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Der Waschlabben

Gedächtnisprotokoll zum Herbst '89

Eigentlich konnte ich gar nicht mehr mit in diesem System, ich wollte einfach weg. Klar klingt heutzutage weggehen simpel, einfach seine Heimat verlassen, damals war es etwas anderes.

Spätsommer’89 - Demozeit, eigentlich wollte ich ja nicht mit. Die Kumpels sagten JA, der Nerv sagte JA, und ich wollte von einem Tag auf den anderen doch nur noch fort. Raus aus diesem Land, was sich DDR nennt, überall formierten sich meine Freunde, viele wollten bleiben.

Was waren das für Monate.

Erst Kirchentag, viele Leute verhaftet, nur wegen Peking, dann dieser Scheiß mit den sogenannten Wahlen, wer weiß, wie viele Leute überhaupt wahlberechtigt sind, überhaupt noch wählen gehen. Es sind Verbrecher, die diese sogenannte DDR regieren. Wir lebten doch auf dem größten Müllberg der Welt, psychisch und physisch krank. Langsam habe ich die Nase voll immer nur eine Nummer zu sein, ganz klar, keiner kann was dazu, es ist halt so.

Da stand ich nun, Ausreiseantrag gestellt, weg, einfach weg, aber immer noch im Hinterkopf die Freunde, dazu die Meldungen in den Medien, so und zuviel Leute über die ungarische Grenze.

Ausreiseantrag oder Montagsdemonstration. Oder beides.

Seit ich diesen Antrag gestellt hatte, kam für mich nichts mehr in Frage. Jeden Tag halbkaputte Städte mit seinen pseudokranken Menschen gesehen, dieses „Vierte Reich“, wo doch angeblich so eine Menschlichkeit herrscht, in der Perversion des real existierenden Plattenbausozialismus.

Es war dieses Wochenende, Anfang September - im Fernsehen kamen Bilder, Zehntausende weg über Ungarn, Tausende sind in den Botschaften von Prag, Warschau etc. Wie sollst du das verstehen, endlich ergab sich die eine Möglichkeit zur Freiheit.

Irgendwie habe ich dann von einer Minute zur anderen mit dieser DDR abgerechnet, es waren sicher die wichtigsten Minuten in meinem Leben, gelebt in einem Land, wo schon der Name „DDR“ Lüge war, dieses Land war weder demokratisch, noch deutsch, noch eine Republik. Trotzdem, hab ich mir gesagt, du gehst ordentlich aus diesem Land. Und ordentlich hieß im Sinne meiner Vorfahren und Freunde, demokratisch freiheitlich zu denken.

Siebenter Oktober, Treffen mit Freunden, in der Leipziger Innenstadt totaler Terror der Staatsmacht, abends fahre ich zur Nikolaikirche, sehe die brennenden Kerzen, die Blumen, die Plakate. Ich knie hin, bete das Vaterunser, heule wie ein Schloßhund…, was ist mit den Leuten im Knast?? Ich kann nicht schlafen. Glücklicherweise sind wir nicht allein. Die Welt schaut auf Leipzig.

Achter Oktober, irgendwie gehen wir zuerst Mittagessen in einem Gartenverein, was eigentlich ablenken sollte, was soll’s, die Szenen der letzten Nacht spielen mit, natürlichen klauen wir einen Blumenstrauß zusammen für die Gefangenen, mit meinem Schwager fahr ich dann in die City.

Nächster Akt, russische Soldaten fragen uns vor der Uni ob wir „Bum-Bum für Demo“ brauchen..., wo lebe ich hier eigentlich. Die Typen hatten doch tatsächlich sogar paar Raketen in ihren Beuteln. Endlich waren mal die „Freunde“ auf unsere Seite. Die Sowjets auf Seiten der Demokratie.. . Wieder unter Tränen lege ich die Blumen an der Nikolaikirche hin, zünde eine neue Kerze auf diesen Riesen Wachsberg für die Gefangenen an. Und der Staat filmt immer mit....

Jetzt weiß ich es genau, du kannst nichts gehen, solange diese Stadt nicht in Frieden ist.

Montag, 9. Oktober 1989, ein Tag wie jeder andere, in der Geschichte wird er als der „Tag der Entscheidung“ eingehen, der Tag, wo erstmals eine deutsche Revolution erfolgreich war.

Frühschicht, wie immer erst mal quatschen, die Leute, welche halb sechs bei uns waren sind ja okay, was wird eine Stunde später, da kommen die Gen-Ossis, keiner kann schaffen, alles redet, alte Kollegen flippen aus in Anbetracht der Bilder vom 7.Oktober, immer loyal gewesen, nun ist Schluß, hier ist was faul. Verarscht bis aufs Hemd, gute Menschen, an dem Tag geht man sogar dem Parteichef an die Wäsche, ich höre nur Diskussionen, eigentlich bin ich ja schon in Wiesbaden, aber dies heute kann mich nicht ruhen lassen. Heute muß die Demokratie in meiner Stadt siegen oder verlieren. So kann es nicht weitergehen, es gibt sonst keine Ruhe mehr.

Schichtende, mit dem Fahrrad nach Haus, nachdenken, was geht mich das als „Ausreiser“ noch an, schlafen versucht, nie geschafft, Kumpels da und wir fahren doch in die Innenstadt. Gerade, weil es so verboten ist, nein, weil ich mich hier als Mensch einbringen kann, weil ich einen historischen Augenblick mitbestimme, diese Diktatur, dieser Unrechtsstaat wird auf unsere Kerzen schießen, es wird Tote geben, es wird so wie in Peking, ich konnte meine Freunde in dieser Stunde nicht allein lassen.

Angst ja, aber auch Cleveres, wir tarnten uns mit den zoni-typischen Stoffbeuteln als Innenstadtbesucher ab. Überall stand die Staatsmacht, Polizei, Kampfgruppen, Stasi. In der Stadt waren Pferdeställe, Turnhallen, Kühlhäuser, Krankenstationen vorbereitet. Haushaltskerzen für 8 Pfennig das Stück waren ausverkauft.

Es wird Tote, Verstümmelte, Verletzte und Gefangene geben, und das liebe Restvolk wird hinter den Gardinen stehen...! Morgen gibt es von denen wieder Hetztriaden in der LVZ.

Mit der Straßenbahn fuhren wir in die City, überall diese Uniformen, unklar was im Umfeld lag. Erstmal gingen wir ins „konsument“, ich habe da einen halben Liter Bier getrunken, konnte im Anblick der vollmunitionierten Truppen dieser Kampfgruppen vor der Hauptfeuerwache mein Glas absolut nicht sicher halten. Vielleicht war es gerade dieser Ausblick, der mir die Kraft gab, weiterzugehen. Für Demokratie, für Freiheit, Menschlichkeit. Einfach, die Gedanken die so im Gehirn zwischen Lebensgefahr und Sieg der Sache hinundherrennen.

Die Innenstadt war voll von Autorität, man wollte abschrecken und an diesem Tag endgültig zuschlagen, wenn das nicht reicht, lagen in den Wäldern Fallschirmtruppen... Die Friedensgebete fanden in fünf Kirchen statt, Pfarrer Ebeling von der Thomaskirche forderte seine Besucher zur Heimkehr auf, ich wollte dableiben, gefügt haben wir uns lange genug.

Menschenmassen in der City, noch nie gesehen, diesmal hatte alles etwas Heiliges, merkte ich, diesmal passiert was. Wir tarnten uns ja mit den Einkaufsbeuteln ab, um nicht gleich aufzufallen, was natürlich lustig war, da es gar nichts gab.

Irgendwann zwischen Charakter und diesen permanent vorhandenen Stasi-Spitzeln kam dann der Zug der Demonstranten am Hauptbahnhof vorbei, es war ein Anblick, jede Traumhochzeit ist ein Scheiß dagegen. Es war ein Anblick für die Welt, neben mir stand da eine Studentin aus Dresden, ihr Zug fuhr lange weg, sie sah lieber die Menschen....

Der Demozug kam und kam, dann diese Rufe „Keine Gewalt: Gorbi hilf; Wir sind das Volk etc.“. Eigentlich sollte ja die Innenstadt frei sein von „feindlich-negativen“ Kräften, man hatte vorher alles versucht. 10000 hochbewaffnete „Friedenskämpfer“ standen zur Vernichtung der Demonstration bereit.

Aber dann – dieses Wunder Der Demonstrationszug hat es nicht nur geschafft um den Ring zu kommen, es blieb auch alles friedlich, wir wußten damals noch nicht wer dabei geholfen hat.

Was haben wir eigentlich gefordert?

Freiheit in Demokratie und die damit verbundenen billigsten Menschenrechte. Redefreiheit – Pressefreiheit – Freiheit des Individuums (Persönlichkeit) – Rechtsfreiheit.

Als die Menschenmassen auf der Straße waren, gab es nur eine Frage - wie kann man dieses Problem lösen, am nächsten kam niemand, zu tief lag die Mentalität, es wird schon werden. Der Demonstrationszug bewegte sich vorbei, vorbei am Gebäude der Staatssicherheit, es war total dunkel in der Bude. Wieso haben die schon Feierabend, ohne diesen Scheiß-Staat zu sichern!!??

Klar, die haben ihre Spitzel und ihre Jungs, welche immer saugut aussehen. Ratten. Als wir uns vollgeladen hatten mit Eindrücken und diese Sensation schafften, einmal um den Ring zu demonstrieren, fühlten wir uns so was von befreit, ein schlecht zu beschreibendes Gefühl, soviel Freiheit haben wir nie in unserem Leben zuvor gespürt.

Warum griff die Staatsmacht nicht ein an diesem entscheidenden 9. Oktober 1989? Es gibt viele Legenden, die Lustigste vielleicht von Egon Krenz, er will wohl persönlich für die Gewaltlosigkeit gesorgt haben, genau ist es Schwachsinn, an den Aufruf von Kurt Masur u.a. zu glauben, kein Mensch unter den Massen hat ihn richtig verstanden....

Warum sind wir nun nicht von Panzern niedergewalzt wurden, warum siegte erstmals eine deutsche Revolution? Die Antwort geben wir, die dabei gewesen sind und (vielleicht) die Wahrheit Michail Gorbatschow in seinem Treffen mit Willy Brandt einen Tag später. Stationierte russische Truppen hätten bei Eskalation durch Kräfte der Honecker-Macht auf Seiten der Demonstranten eingegriffen...! Die Dokumente zu diesem (einmaligen) Vorgang der Geschichte sind leider nur wenigen zugänglich, sie würden aber fast alles erklären was den 9. Oktober 1989 - Den Tag der Entscheidung - betrifft.

Die Demo-Montage danach wurde von immer mehr herzlichen befreienden Zeichen erfüllt, nach der größten Demonstration in der deutschen Geschichte am 6.November 1989, als bei strömenden Regen 500 000 Menschen auf dem Leipziger Ring waren kam der nächste Akt, die Mauer fiel.

Von diesem Zeitpunkt waren Leipziger Montagsdemos leider nur noch sinnlose Rufe eines völlig neuen Publikums nach Mammon, wobei auch hier wieder die Geschichte die Antwort geschrieben hat. Für mich war die Erfahrung dieser freiheitlichen friedlichen Revolution unbezahlbar, es war der Höhepunkt meines Lebens, gab mir die Erfahrung, daß Freiheit, Demokratie und Menschenrechte durch kein Geld der Welt zu ersetzen bleiben. Obwohl wir eine Minderheit waren und der Rest wie immer hinter einer deutsch-typischen Gardine abwartete. Unvergessen auch die Solidarität mit dem Volk in der CSSR, die Entschuldigung für 1968.

Leider habe ich heute noch den Eindruck, daß diese Erkenntnis nicht alle Menschen in Ostdeutschland gemacht haben. Es rollt mir die Fußnägel auf, wenn ich von kultiger Ostalgie höre, wenn da gutgeheißen wird eine Diktatur mit kaputter Umwelt, Bausubstanz, Jugendmilitarisierung, Gleichmacherei des Individuums, sogenannter Menschlichkeit (totale Überwachung), mit Spießigkeit, Kleinbürgertum oder den Holidays nach der Grenzöffnung mit D-Mark-Sucht (als die Wessis noch die besten Menschen der Welt waren).

Sagen manche Leute noch heute in totaler Verklärung, es war nicht alles schlecht damals. Da sieht man, welchen Müll diese Diktatur in den Köpfen hinterließ. Es war nichts gut an der Zeit, alles war nur dem einem Ziel untergeordnet, die Menschen billige eingesperrte Versuchskarnickel einer vermeintlich besseren Gesellschaft für die Bonzen. Es kam nicht auf Wissen, Menschlichkeit, Moral und Ethik an, Hauptsache der Klassenstandpunkt stimmte. Der mit den Wölfen heult.... Ein Volk degeneriert zu Jasagern, zu Nummern. Schlimm.

Nach einer Montagsdemo im Herbst’89 verließ ich meine geliebt-verhaßte Heimatstadt Leipzig und erlaube mir seitdem aus Wiesbaden ein förderlicher Freund und Kritiker zu sein. Bei der Erinnerung an diese Tage läuft es mir noch heute kalt über den Rücken, oft muß ich da eine Träne der Rührung, der Freude unterdrücken. So etwas erlebt man nur einmal, meine Eltern, Großeltern haben sicher auch viele Umwälzungen, sogar zwei Weltkriege in Deutschland mitgemacht, aber nie veränderte sich die Geschichte so friedlich und nachhaltig. Deshalb hier an der Stelle nochmals Dank an die 70000 des 9. Oktober 1989.

Thomas Heinemann 19. September 1999

Thomas

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